DQE-Veranstaltung zur Stadtentwicklung in Ehrenfeld

Studierende der RWTH Aachen präsentieren die Ergebnisse ihrer Untersuchung zu Angewandter Stadtgeografie. (Foto: Verena Gorny)
Ist Ehrenfeld ein Kreativquartier? Ist der auf vielen Ebenen stattfindende Aufwertungsprozess gut für das Viertel oder bedroht er es? Wie sieht das die migrantische Bevölkerung? Eine Gruppe von Geografie-Studenten der RWTH Aachen hat am 18. Oktober im Designquartier Ehrenfeld (DQE) die Ergebnisse ihrer Studien auf Basis von Untersuchungen und Befragungen in Ehrenfeld vorgestellt. Aspekte waren die bauliche, soziale, kommerzielle und symbolische Entwicklung Ehrenfelds:
Die Entwicklung vom Industrie-Standort über das “Problemviertel” in den1970er-Jahren zum lebendigen und sehr gemischten Viertel wird von den heutigen Bewohnern sehr positiv gesehen. Alteingesessene, Studenten, Kreative, Familien vieler Nationalitäten wohnen gern hier und schätzen die Offenheit der Menschen und die Vielfalt des kulturellen, kommerziellen und gastronomischen Angebots.
Die Qualitäten Ehrenfelds offenbaren sich aber erst auf den zweiten Blick: der erste Eindruck, des “schmuddeligen und lauten” Viertels wird durch die innenstadtnahe Lage und die Vielfalt aufgewogen – hinter den Fassaden oder in Innenhöfen verbergen sich ungeahnte Spielräume, früher von Handwerken genutzte Werkstätten werden zunehmend von Kreativen genutzt. An der Körnerstraße haben sich kreative Einzelhändler versammelt, an der Lichtstraße, dem Vulkangelände und dem ehemaligen 4711-Gelände vorallem Agenturen und Design-Büros, aber auch wie auf dem Helios-Gelände Kulturakteure, Ateliers und Clubs.
Ehrenfeld hat sich in seiner kleinteiligen baulichen Struktur endogen, von innen heraus zum Kreativstandort entwickelt. Großflächigen Planungen – wie zum Beispiel auf dem zentral gelegenen Helios-Gelände – werden von den Befragten große Auswirkungen auf den Charakter und die Ausstrahlung des Viertels zugemessen.
In Alt-Ehrenfeld sind viele kleine Parzellen durch Eigennutzer baulich aufgewertet worden. Für große Wohnungsbau-Investitionen gab es, dank der behutsamen Stadtsanierung in den 80er Jahren (statt des vorher geplanten Abrisses und Neubaus eines ganzen Quartiers am Ehrenfeldgürtel durch die Neue Heimat) nur beschränkten freien Raum. Vor allem auf ehemalig gewerblich genutzten Geländen wurden Wohnanlagen neu gebaut: an der Piusstraße (ehemalige Brauerei), Marienstraße (Toscana-Caree) und Gutenbergstraße. Es kamen hier neue Wohnungen und Bewohner zum meist einfachen, wenig für Luxus-Sanierung geeigneten Altbaubestand hinzu, sodass eine großflächige Verdrängung der Bevölkerung wie in anderen Gründerzeitquartieren vorerst ausblieb.
Die Bevölkerung Ehrenfelds hat sich dank der Nähe zur Universität und den niedrigen Mieten durch Zuzug von Studenten und Familien verjüngt, das Bildungsniveau ist gestiegen. Ob hier die “Gentrification” – als Verdrängung armer durch reiche Bewohner stattfindet – oder ob die Entwicklung komplexer und positiver zu bewerten ist, ist umstritten und noch nicht eindeutig mit Daten hinterlegt.
Der neunjährige U-Bahnbau (1980er Jahre) und das gestiegene Laden-Mietniveau auf der Venloer Straße haben inhabergeführte Geschäfte verdrängt, Filialisten prägen das Bild. Mit dem jüngsten Umbau der Straße hat sich die Aufenthaltsqualität aber deutlich verbessert – die Außengastronomie blüht auf.
Die zentrale, für Ehrenfeld identitätsbildende Venloer Straße hat 190 Geschäfte mit 24 Nationalitäten, die sich ohne nationale Ballungen bunt über deren gesamte Länge verteilen. Türkische Angebote finden sich vor allem in der Gastronomie, die sich auch an neuen Kunden orientiert (Bio-Falafel), einheimische eher im Einzelhandel.
Von den befragten türkischen Inhabern und ihren Kunden jeder Herkunft wird die Venloer Straße über das Einkaufen hinaus auch als Treffpunkt und Aufenthaltsort in der oft knappen Freizeit geschätzt. Die große Offenheit gegenüber Fremdem erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl. Ehrenfeld wird von Migranten bewusst als lebendiger Wohn- und Arbeitsort ausgesucht, aber weniger als Kreativviertel wahrgenommen. Die neue Moschee bedeutet für sie neben Dom und Rhein das neue Kölner Wahrzeichen.
Die Aktivitäten der Bürgerinitiative Helios werden auch in migrantisch geprägten Kreisen mit großem Interesse verfolgt: Man fürchtet auch hier, dass ein Einkaufscenter das Leben auf der Venloer Straße und den lebendigen Charakter des Viertels negativ beeinflussen und die gute Mischung verloren gehen würde. Eine aktive Teilnahme an Vereins- oder Partei-Aktivitäten ist aber aus Zeitmangel leider nicht möglich. Negativ werden geringe Möglichkeiten für Kinder in Bezug auf Bildung und Freizeit (Sport, Grünflächen) bewertet.
Durch das große mediale und wissenschaftliche Interesse wird Ehrenfeld inzwischen überregional als In-Viertel wahrgenommen, die Bewohner sind stolz auf ihr beliebtes Viertel, sehen Begehrlichkeiten aber auch sehr kritisch: Kreative wollen nicht “Köder” für Investoren und Migranten keine “Versuchskaninchen” für Wissenschaft sein.
Die umfangreichen Ausarbeitungen der Studierenden werden in Kürze auf der DQE-Website zu finden sein.
Link:
DQE: Wem gehört die Stadt? Potentiale für eine “endogene Stadtentwicklung” in Köln-Ehrenfeld
Lieber Michael Kaßner,
wir laden Sie und Ihre Schüler zu einer sicherlich interessante Veranstaltung der SPD am 31.08. um 19.00 in der DQE-Halle Heliosstraße ein: Jochen Scharf, der an der Rahmenplanung Ehrenfeld-Ost maßgeblich mitgewirkt und Befragungen zum Wandel in Ehrenfeld durchgeführt hat, refereriert über die Veränderung des Stadtteils seit den 80er Jahren.
Ich persönlich glaube, dass das Thema Gentrifizierung in Ehrenfeld komplex diskutiert werden muss:
Ehrenfeld hat eine für bürgerliche Bevölkerungsschichten nicht so attraktive Struktur wie klassische Gründerzeitviertel – in Köln das Belgische oder die Südstadt. Die ehemals großbürgerlichen Altbauwohnungen dort konnten ideal zu teuren Eigentumswohnungen umgebaut werden. Das “häßliche” Ehrenfeld hat eine disparate Baustruktur, es gibt schöne Altbauten im sog. Tintenviertel um die Eichendorffstraße, aber auch sehr kleinbürgerliche, einfache Bauten in engen Blocks und an lauten Straßen, die nicht den Ansprüchen solventer Käufer entsprechen.In Ehrenfeld gibt es außerdem sehr wenig Grün und es ist sehr dicht bebaut.
Durch die vielen Industriebrachen, Lücken und Restgrundstücke ist der Zuwachs an hochwertigen Wohnungen v. a. durch Neubau und weniger durch Umwandlung von billigen Altbauten entstanden, was der Bevölkerungsmischung auch gut getan hat. Viele als Studenten nach Ehrenfeld Gezogene, wohnen inzwischen mit ihren Kindern, die die örtlichen Schulen besuchen, im Viertel und gehören meist nicht zu den Top-Verdienern.
Sogar leerstehende Ladenlokale und Werkstätten in Nebenstraßen des ehem. Handwerkerviertels Ehrenfeld sind durch junge Kreative wiederbelebt worden.
Dass im Uni- und zentrumsnahen Ehrenfeld die Mieten steigen, ist eben auch ein stadtweites Phänomen, der wieder zunehmende Wunsch zum – oft sogar autofreien – Leben in der Stadt der kurzen Wege mit ihren Kultureinrichtungen und der Möglichkeit auch für Kinder, sich unabhängig zu bewegen, ist in allen deutschen Städten zu beobachten.
Wie es in Zukunft weiterhin für Menschen aller Einkommensschichten bezahlbare Wohnungen in Ehrenfeld geben kann, kann nicht der Markt allein regeln. Hier ist die Stadtgesellschaft insgesamt gefordert, dafür zu sorgen, dass es wieder mehr geförderten Wohnungsbau bei allen Neubauvorhaben in allen Stadtvierteln gibt.
Nur so kann sich die Lebensqualität des Viertels, die auf der bunten Mischung ihrer Einwohner basiert, gut weiterentwickeln.
Guten Tag,
als “Exil-Kölner” im westfälischen Lippstadt und Erdkundelehrer am örtlichen Gymnasium verfolge ich gerne und neugierig die Entwicklungen in meiner Heimatstadt und bringe sie auch gerne in den Unterricht in meinem Leistungskurs mit ein. Vielen Dank für diesen Artikel zum Thema “Gentrification” – aus fachwissenschaftlicher Sicht finde ich die Unterscheidung zwischen “Aufwertung” und der negativ besetzten “Gentrification” interessant.
Was sich bei euch im Veedel abspielt ist m.E. eindeutig als Gentrification zu deuten – ob alle negativen Auswirkungen auftreten werden, bleibt abzuwarten (hoffentlich nicht; und eure Initiative scheint mir ein guter Weg zu sein).
Viel Erfolg beim “Gegensteuern”!!
MfG
Michael Kaßner, Lippstadt